Was ist ein endokriner Disruptor?

Ein Eindokriner Disruptor ist eine Chemikalie oder eine Kombination von Chemikalien, die nicht vom menschlichen Körper hergestellt wird, die Hormonaktivität stört und der Gesundheit des ausgesetzten Organismus oder der nachfolgenden Generation(en) schadet (International anerkannte WHO-Definition aus dem Jahre 2002). Was die Umwelt betrifft, werden die negativen Auswirkungen innerhalb einer Population oder einer Subpopulation wahrgenommen.

Im Hormonhaushalt spielen Hormone bei vielen biologischen bzw. physiologischen Funktionen eine wichtige Rolle. Ihre Auswirkungen treten oft bei sehr geringer Dosis und zu spezifischen Zeiten auf. Eine Störung des hormonellen Gleichgewichts kann irreversible Folgen haben, insbesondere während entscheidender Entwicklungsphasen (z. B. während der Entwicklung der Geschlechtsorgane im Mutterleib). Die Folgen können sofort auftreten oder erst Jahre nach Exposition (d.h. nach einer Latenzperiode) sichtbar werden. Die Exposition gegenüber derartigen Substanzen wird z. B. mit einer Zunahme von Unfruchtbarkeit, Störungen des Immunsystems, Fehlbildungen der Fortpflanzungsorgane (wie z. B. Kryptorchismus und Hypospadie beim Jungen), der Frühentwicklung der Brust bei den Mädchen, Hodenkrebs und anderen Krebsarten, Fettleibigkeit und Diabetes assoziiert.

Am 3. Juli 2013 gab der Hohe Gesundheitsrat (HGR) eine Stellungnahme zu endokrinen Disruptoren, deren Auswirkungen bei geringer Dosis, den kritischen Empfindsamkeitsperioden ab.

Vorbeugung: Schwangere Frauen

Frauen mit Kinderwunsch und Schwangere sollen ihre Exposition gegenüber endokrinen Disruptoren so gering wie möglich halten. Diese Stoffe können nämlich den Wachstum und die Entwicklung des Fötus beeinflussen, auch bei sehr geringer Dosis. 

Konkrete Beispiele, wie sich die Exposition gegenüber endokrinen Disruptoren minimieren lässt, sind in verschiedenen Broschüren aufgeführt:

Nationaler Aktionsplan für endokrine Disruptoren

Informationsbericht des Senats

Am 23. März 2018 verabschiedete der Senat im Plenum einen Informationsbericht über endokrine Disruptoren in Belgien. Dieser Bericht empfiehlt die Ausarbeitung eines nationalen Aktionsplans für endokrine Disruptoren in Absprache mit Wissenschaftlern, Unternehmen und der Zivilgesellschaft.

Für die Prävention und Beseitigung von endokrinen Disruptoren in Konsumgütern sind 72 spezifische Empfehlungen aufgeführt. Diese Empfehlungen werden als Richtschnur für die verschiedenen Maßnahmen gegen endokrine Disruptoren dienen.

Entwicklung eines nationalen Aktionsplans

Im Dezember 2019 starteten die Minister für Gesundheit und Umwelt den Startschuss für die Entwicklung eines nationalen Aktionsplans für endokrine Disruptoren. Die Entwicklung dieses nationalen Aktionsplans unter der Leitung der GD Umwelt des FÖD Volksgesundheit umfasst mehrere Konsultationsphasen:

  • 1. Konsultation der Interessengruppen (März bis Mai 2020),
  • 2. Konsultation der zuständigen Behörden (Juni 2020),
  • 3. Konsultation der für Gesundheit und Umwelt zuständigen Minister (Ende Juni 2020).

Die 72 Empfehlungen die im Informationsbericht des Senats formuliert sind, werden dazu dienen, die Entwicklung konkreter Maßnahmen in Zusammenarbeit mit zahlreichen Partnern auf europäischer, föderaler, regionaler und kommunaler Ebene zu unterstützen.

Listen endokriner Disruptoren

Derzeit werden endokrine Disruptoren nach verschiedenen europäischen Gesetzen identifiziert. Mehrere europäische Länder haben beschlossen, die verfügbaren Informationen auf einer Internetseite (www.edlists.org) zu sammeln, die am 2. Juni 2020 online gestellt wurde. Diese einzigartige Informationsquelle, die von den nationalen Behörden Belgiens, Dänemarks, Frankreichs, der Niederlande und Schwedens unterstützt wird, enthält drei Stofflisten:

  • Liste I: Substanzen, die auf EU-Ebene als endokrine Disruptoren identifiziert wurden.
  • Liste II: Stoffe, die nach europäischem Recht auf endokrin wirkende Eigenschaften untersucht werden.
  • Liste III: Stoffe, für die eine teilnehmende nationale Behörde endokrin wirkende Eigenschaften auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse bewertet hat.

Wie wird ein Stoff als endokriner Disruptor identifiziert?

Um als endokriner Disruptor bezeichnet zu werden, muss ein Stoff drei wichtige Kriterien erfüllen:

  1. eine endokrine Wirkung, bestimmt durch z. B. In-Vitro-Studien (Versuche auf Zellen),
  2. eine nachgewiesene schädliche Auswirkung auf einen intakten Organismus (Tierversuche),
  3. ein plausibler Kausalzusammenhang zwischen beiden.

In Zusammenarbeit mit den europäischen Agenturen und den anderen Mitgliedstaaten ist der FÖD Volksgesundheit an der Bewertung der potenziellen endokrinen Disruptoren beteiligt.

Verschiedene Tests sind in der Lage, endokrine Disruptoren zu identifizieren. Im Hinblick auf eine einheitliche Auslegung hat die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) einen Leitfaden über die derzeit verfügbaren Tests und ihre Verwendung abgefasst (Guidance-Dokument Nr. 150).

Identifizierung gemäß der REACH-Verordnung (1907/2006)

Nach der REACH-Verordnung kann eine Substanz auf Einzelfallbasis als endokriner Disruptor identifiziert werden.

Die Identifizierung von endokrinen Disruptoren gemäß der REACH-Verordnung ist Teil des europäischen SVHC-Fahrplans 2020. Diesem Fahrplan zufolge müssen sämtliche relevanten besonders besorgniserregenden Stoffe (SVHC) bis 2020 identifiziert werden. Endokrine Disruptoren gehören zu dieser Gruppe von Stoffen. Im Bestreben, dieses Ziel zu erreichen, hat die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) eine Expertengruppe für endokrine Disruptoren eingesetzt, die sich aus Sachverständigen aus den verschiedenen Mitgliedstaaten zusammensetzt.

Andere Prozesse der REACH-Verordnung, wie z. B. die Stoffbewertung, tragen zur Identifizierung der endokrinen Disruptoren bei. Vermutet ein Mitgliedstaat, dass sich ein Stoff negativ auf das Hormonsystem auswirken kann, kann er über diesen Prozess weitere Informationen oder weitere Versuche verlangen. 

Substanzen, die von den Behörden als endokrine Disruptoren identifiziert wurden, sind in der Liste der für eine Zulassung in Frage kommenden Stoffe ("Kandidatenliste") aufgeführt. Diese Stoffe sind dann als besonders besorgniserregende Stoffe (SVHC) anerkannt, weil sie in ähnlichem Maße Anlass zu Besorgnis geben wie Stoffe, die krebserregende, mutagene oder reproduktionstoxische Eigenschaften haben,  oder persistent, bioakkumulierbar und toxisch (PBT) oder sehr persistent und sehr bioakkumulierbar (vPvB) sind.

Nachstehend finden Sie einige Stoffe, die als endokrine Disruptoren identifiziert wurden, als auch Anwendungsbeispiele:

  • 4-Nonylphenol: wird bei der Herstellung von Epoxidharzen und Kunststoffstabilisatoren, Farben, usw., eingesetzt.
  • 4-Nonyphenol-Ethoxylate: werden bei der Herstellung von Polymeren, Papier, Textilien, Lackprodukten, usw., eingesetzt.
  • 4-tert-Octylphenol: Zwischenprodukt für die Herstellung von Harzen, Lackprodukten, usw.
  • 4-tert-Octylphenol-Ethoxylat: Reinigungsmittel, das in der Zellular- und Molekularbiologie zur Zerstörung von Zellmembranen eingesetzt wird (Triton X-100), oberflächenaktives Mittel in Seifen, usw.
  • Di(2-Ethylhexyl)-Phthalat (DEHP): verwendet für die Erweichung von PVC-Kunststoffen und in anderen Kunststoffverbindungen, anwesend in manchen Farben, Druckertinten, usw.
  • Bisphenol A: bei der Herstellung von Polycarbonat-Kunststoffen verwendet, usw (die Verwendung von Bisphenol A in Kassenzettel ist seit 2. Januar 2020 verboten),

Die Identifizierung als endokriner Disruptor ist der erste Schritt, bevor es Regulierungsmaßnahmen zur Einschränkung der Exposition getroffen werden (z. B. Beschränkung, Zulassung).

Identifikation im Rahmen von Verordnungen Nr. 528/2012 über Biozidprodukte und Nr. 1107/2009 über Pflanzenschutzmitteln

Für die Verordnung über Biozidprodukte und die Verordnung über Pflanzenschutzmittel hätte die Kommission einen Vorschlag (Pflanzenschutzmittel) einreichen oder einen Rechtsakt (Biozidprodukte) erlassen sollen, sodass es bis Dezember 2013 Identifizierungskriterien geben würde.

Im Januar 2015 erhob Schweden mit Unterstützung des Europäischen Parlaments und des Rates der Europäischen Union eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof, da die Europäische Kommission noch keine Identifizierungskriterien nach der Verordnung über Biozidprodukte festgelegt hatte. Im Dezember 2015 gab der Europäische Gerichtshof in seinem Urteil Schweden Recht. Er befand, dass es seitens der Kommission eine klare, präzise und unbedingte Verpflichtung gab.

Im Juni 2016 legte die Kommission einen ersten Vorschlag für Identifizierungskriterien für beide Rechtsvorschriften vor. Die jeweiligen Adoptionsverfahren wurden befolgt. Die Kriterien für Biozid Produkte wurden veröffentlicht und sind seit dem 7. Juni 2018 anwendbar. Kriterien für Pflanzenschutzmittel werden ebenfalls veröffentlicht und sind seit dem 10. November 2018 anwendbar. Ein Dokument zur Unterstützung von Unternehmen und Behörden bei der Verwendung von Identifikationskriterien ist auf der ECHA-Website verfügbar.

Weitere Tools und Dokumente

Websites der Europäischen Kommission: